Doktors
sind auch nur Menschen und brauchen, bitteschön, im Trend der Zeit, auch ein Hobby,
bei dem sie sich von des Tages Müh' und Last erholen können, abschalten, zu sich
selbst finden, wieder Kraft schöpfen. So, wie sie es selbst tagtäglich ihren Patienten
anraten.
Unser Mediziner und Wissenschaftler, der im Nachfolgenden agiert,
ist so ein Beispiel.
Erfolgreich, ehrgeizig, voller Power, ständig unter Strom,
immer unter Zeitnot. Aus der Zeit seiner Studenten-/Labor- und Versuchsjahre ist
ihm, bevor man ihn auf die Menschheit losließ, der Umgang mit der Tierwelt vertraut.
Darauf fußend sucht sich unser Mann nun sein Hobby: Die Tierdressur. Es muß
eine sein, die sich im speziellen Falle mit den unvermeidlichen Nebenerscheinungen
seines Berufsstandes verträgt: Den Reisen von Kongress zu Kongress, von diesem
zu jenem Seminar. Vorträge, Weiterbildungsmaßnahmen, Teilnahme an den verschiedensten
Kursen. Kurz, aber sehr modern: Die Wochenend-Existenz aus dem Koffer.
Er
hat aus einer Versuchsreihe an der Uni, (da ging es um die Erprobung eines Insektizids),
noch ein paar Flöhe. Die beginnt er nun zu dressieren. Denn, das ist logisch,
diese Tierchen brauchen nicht viel Platz und passen zur Not sogar in ihrer Schachtel
in den schwarzledernen mit Silberbeschlägen ausgestatteten Aktenkoffer, ein unverzichtbares
Utensil bei seinen oft spektakulären Auftritten vor der versammelten Kollegenschaft
des In- und Auslandes.
Da sitzt nun unser Spezi abends nach den Vorträgen
und langen Diskussionen in seinem Hotelzimmer oder auch mal zu Hause nach einem
anstrengenden Praxistag mit den vielen Klagen, Nöten und Wehwehchen seiner Patienten
und schaltet ab; er frönt seinem Hobby. Er baut sich seinen Flohzirkus auf. Das
geht alles sehr gut, ist entspannend und macht ihm viel Spaß. Es gibt auch einen
Lieblingsfloh: "Rambo". Ein Prachtexemplar, voller Sprungkraft, etwas größer als
die übrigen, sehr gelehrig, sehr folgsam. Das Besondere: Er befolgt alle Befehle
auf das gesprochene Wort seines Trainers. Wenn unser Hobby-Dresseur sagt: "Spring",
so springt Rambo unverzüglich mit seinen schlanken, jedoch unvergleichlich kräftigen
3 Beinpaaren in einer beliebig vorgegebenen Richtung - jedes Mal viele Zentimeter
weiter, als seine Artgenossen. Für unseren Hobbyisten ist das immer wieder verblüffend
und nirgendwo einordnungsfähig. Selbst in keinem noch so akribisch angelegten
zoologischen oder zirzensischen Handbuch findet er vergleichbare Eintragungen
oder Schilderungen.
Erstmals kommt ihm nach einem besonders interessanten,
von neuen Erkenntnissen seiner Kollegen nur so strotzenden Seminar-Wochenende
eine ganz bestimmte Idee, die sich langsam, erst vage, verschwommen, dann klarer
werdend und immer öfters bei seinen entspannenden Hobby-Sitzungen verstärkt und
sich schließlich im Gedanken kristalliert an eine kontrollierte, protokollierte
und schriftlich abgefaßte Fachstudie über seine Beobachtungen.
"Warum eigentlich
nicht", denkt unser Mann, "es hat immer schon in der Vergangenheit Mediziner gegeben,
die sich gerade auch über ihr Hobby, z. B. Botanik, Literatur, Musik, u. ä., einen
Namen machten. Also packen wir es an."
Gesagt, getan.
So wird aus dem
Steckenpferd kurzerhand eine wissenschaftliche Studie.
Bei der nächsten
Trainingssitzung mit seinem Flohzirkus legt unser Wissenschaftler die üblichen
Utensilien für die praktische Arbeit mit Rambo zurecht, ergänzt durch Notizblock,
Bleistift, Zentimetermaß, Stoppuhr, Lupe und Pinzette.
Das Experiment kann
beginnen: Rambo wird aus seiner luxuriös wattierten Schachtel an die Ausgangsposition
bugsiert. Die Stoppuhr in der Hand, kommt vom Trainer und Versuchsleiter das erste
Kommando: "Spring!" Und Rambo springt!
Imponierend, von seinen kraftvollen
Sprungbeinen katapultiert in leicht ansteigendem Bogen schnellt er vorwärts und
landet - wunderbar, schon wieder 5 1/2 cm weiter als seine Artgenossen beim letzten
Mal. Ein Sprung von nur 1,2 Sekunden Dauer. Hervorragend.
Alles wird notiert,
schön tabellarisch geordnet.
Dann nimmt unser Versuchleiter Lupe und Pinzette,
dreht Rambo kurz auf den Rücken und - reißt ihm das vordere Paar Beine aus!
Kurze
Überprüfung: Augenscheinlich ist alles o.k.
Alles wird säuberlich, korrekt
notiert.
Es folgt der 2. Versuch: "Spring!" Und wieder springt Rambo.
Es
ist kaum ein Unterschied im Ablauf zum ersten Sprung feststellbar, lediglich die
Sprungweite kommt nicht ganz an die vorige heran. Es sind diesmal 1,2 cm weniger.
Auch das wird notiert.
Dann kommen wieder Lupe und Pinzette zum Einsatz
und das nächste Paar Beine von Rambo wird extrahiert.
Auch das wird in der
Tabelle unter Versuchsreihe 2 eingetragen.
Versuch Nr. 3 startet: "Spring!"
Wieder springt Rambo, diesmal bleibt er 2 cm unter seiner Bestleistung.
Sorgfältig
mit dem Zentimetermaß kontrolliert, wird auch dieser Wert eingetragen.
Dann
- wir ahnen es schon -, muß Rambo wieder auf den Rücken und ein letztes Mal kommen
Lupe und Pinzette zum Einsatz: Ein Ruck - und das dritte Paar Beine ist nicht
mehr!
Äußerst vorsichtig und sehr behutsam wird Rambo wieder an die Startposition
gesetzt und erneut erklingt das Kommando: "Spring!"
Es scheint, als ob Rambo
sich nicht um den kleinsten Bruchteil eines Millimeters bewegt. Noch einmal ertönt
der Befehl: "Spring!" Wieder tut sich nichts.
"Du sollst jetzt sofort springen!"
Nichts rührt sich!
"Ach, komm schon, spring doch endlich." Wieder rührt Rambo
sich nicht.
So geht es noch eine Weile weiter mit Beschwörungen, Betteln,
Bitten, zuletzt sogar mit Drohungen: "Wenn Du jetzt nicht auf der Stelle springst,
reiß' ich Dir den Kopf ab".
Nichts, rein gar nichts tut sich von seiten Rambos.
Der sitzt nur da.
Unser Wissenschaftler wirft noch einen oberflächlichen Blick
auf seinen Starfloh, denkt kurz nach: "Das war es denn wohl" und widmet sich seinen
Aufzeichnungen. Er schließt die Versuchsreihe ab.
Am nächsten Tag diktiert
er seiner Sekretärin dazu eine hochwissenschaftliche Abhandlung mit dem Beweisantritt,
dass Flöhe, denen man alle 3 Beinpaare ausreißt, ihr Gehör verlieren.
© Christel
Trompertz —› alias La Loba —› alias Grauschnauze, den 17.04.1997, (Erstveröffentlichung
MCS-Echo, Düsseldorf)